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Die Voreinstellung verrät alles

Paul Graham liest seine Mails nicht mehr. Nicht alle, nur die, die in dem ankommen, was er einen knallhart journalistischen Stil nennt: jenes polierte Register, in dem noch nie ein Gründer unter Druck geschrieben hat. Er sagt, er erkenne, dass diese Mails von einer KI geschrieben wurden, und sobald er das wisse, könne er sie nicht zu Ende lesen. Das Wort, zu dem er greift, ist nicht gelangweilt. Es ist belogen.

In diesem Wort steckt die ganze Geschichte, aber es gehört noch mehr dazu.

Die einfache Deutung lautet, dass KI-Texte schlicht schlecht sind und Graham auf schlechte Texte reagiert. Das ist eine bequeme Position, denn sie schmeichelt uns Menschen: Maschinen produzieren Slop, anspruchsvolle Menschen erkennen Slop, der Geschmack gewinnt. Es gibt allerdings interessante Grenzfälle, die ein Gedankenexperiment lohnen.

Nehmen Sie zum Beispiel zwei Mails. Die erste stammt von einem Gründer, der eine Stunde mit einem Modell verbracht hat, mit Prompten, Kürzen und Umschreiben, bis nichts mehr darin nach Maschine klingt, bis es sich anhört wie ein Mensch, der etwas zu sagen hatte. Die zweite hat jemand in neunzig Sekunden heruntergetippt, hässlich, mit einem Tippfehler in der zweiten Zeile. Graham liest die erste zu Ende und schöpft nie Verdacht. Die zweite liest er auch zu Ende. Und jetzt nehmen Sie einen Gründer, der dieselbe Stunde investiert und trotzdem etwas verschickt hat, das nach dem voreingestellten Stil des Modells klingt. Diese Mail schließt er auf den ersten Blick.

Die entscheidende Variable ist also weder der Aufwand noch die Qualität. Die hässliche Mail vom Menschen ist schlechter als die polierte von der Maschine, und sie kommt durch. Bestraft wird die Erkennbarkeit: Man könnte es erkennbare Voreingestelltheit nennen. Abgelehnt wird nicht, dass eine Maschine beteiligt war, sondern dass nichts gewählt wurde: Der Absender griff zum Modell, verschickte, was herausfiel, und unterschrieb es. Der lange Gedankenstrich, das Trikolon, das selbstsichere Räuspern, der knallhart journalistische Stil: Das alles ist nicht schlecht geschrieben. Es ist das Fehlen einer Entscheidung, und das Fehlen einer Entscheidung kann jeder lesen, der die Voreinstellung schon einmal gesehen hat.

Jahrzehntelang war das sicherste Zeichen dafür, dass ein Dokument von jemandem stammte, dem das Aussehen des Dokuments egal war, die Schrift Times New Roman. Die Schrift war nicht hässlich. Sie war ein großartiges Stück Design, in den 1930er-Jahren für The Times in London gezeichnet und wunderschön in der Breite einer Zeitungsspalte. Zum Gespött wurde sie aus genau einem Grund: Sie war die Voreinstellung in Microsoft Word und bedeutete deshalb irgendwann Ich habe das Programm geöffnet, losgetippt und nichts geändert. Um die Schönheit ging es nie. Es ging ums Nichtwählen.

Dann änderte Microsoft die Voreinstellung. Calibri löste Times New Roman 2007 ab und kam als frische, runde, moderne Alternative zu all der Strenge. Innerhalb weniger Jahre nannten die Leute Calibri abgenutzt, das neue Zeichen dafür, dass sich niemand Mühe gegeben hatte. 2024 wanderte die Voreinstellung weiter, zu Aptos, und der Kreislauf begann zum dritten Mal von vorn. Das Verräterische war nie eine bestimmte Schrift. Das Verräterische war die Voreinstellung, welche es in diesem Jahrzehnt auch gerade war. Jede neue Voreinstellung kam als Flucht vor der letzten und erstarrte dann, pünktlich, zum nächsten Ding, vor dem man fliehen musste.

Gerade sind die verräterischen Zeichen der lange Gedankenstrich, der journalistische Tonfall und, vor ein, zwei Jahren, das Wort delve. Sie wirken wie eine sichere Diagnose. Von Dauer sind sie nicht. Die Modelle werden neu trainiert, die Register geglättet, die offensichtlichen Merkmale abgeschliffen. Neue Voreinstellungen werden sich festsetzen und sich für den nächsten Paul Graham wie der unverkennbare Klang von jemandem lesen, der nichts gewählt hat. Das verräterische Zeichen dieser Saison zu vermeiden, ist keine Strategie. Es ist eine Art, langsamer zu verlieren.

Womit wir wieder bei belogen wären. Eine Unterschrift ist eine Behauptung. Sie sagt, dass ein Mensch hinter diesen Worten steht und dass dieser Mensch etwas von sich für genau Sie aufgewendet hat. Die Voreinstellung verrät diese Behauptung. Sie zeigt, dass das, was als kostspielig auftrat, nichts gekostet hat, dass die Nachricht, die an Sie adressiert ankam, wortgleich an jeden anderen hätte gehen können, weil niemand darin etwas gewählt hat. Diese Lücke zwischen dem Versprechen der Unterschrift und der Leere des Textes ist die Lüge. Es ist keine Lüge darüber, wer die Worte getippt hat. Es ist eine Lüge darüber, ob überhaupt jemand zu Hause war.

Deshalb ist Graham, der seit Jahren die Firmen finanziert, die diese Modelle bauen, auch nicht der Heuchler, zu dem ihn seine Tweets machen. Als im selben Thread jemand auf den Widerspruch hinwies, zog er die Grenze sauber: Nutzen Sie es, aber nutzen Sie es richtig. Die Grenze zwischen richtiger und falscher Nutzung verläuft zwischen einem Ergebnis, hinter dem Sie stehen würden, und einer Voreinstellung, hinter der Sie nicht stehen würden. Er ist nicht gegen die Maschine. Er ist gegen die leere Unterschrift. Das waren schon immer zwei verschiedene Einwände.

Wenn also das Vergehen die erkennbare Voreingestelltheit ist, dann besteht der Gewinnzug nicht darin, alles von Hand zu schreiben. Er besteht darin, die Ausgabe der Maschine unerkennbar zu machen. Sie müssen so viel von sich selbst hineinlegen, dass kein verräterisches Zeichen überlebt, und das heißt: wählen. Die Zukunft, die Graham beschreibt, ist kein Postfach ohne KI. Es ist ein Postfach, in dem die KI unsichtbar ist, weil die Leute gelernt haben werden, die Voreinstellungen abzuschleifen. Der Slop, der übrig bleibt, wird der sein, der es gar nicht erst versucht hat, und alle, die sich heute dazu beglückwünschen, den langen Gedankenstrich entlarvt zu haben, messen mit einem Maßstab, der bald sehr viel strenger wird.

Die Frage lautet dann nicht mehr Hat das eine Maschine geschrieben? Sie lautet Hat hier irgendjemand irgendetwas gewählt? Und das war, lange vor alldem, die einzige Frage, die Ihnen je gesagt hat, ob etwas lesenswert ist.

Aus dem Englischen übersetzt: zum Originalbeitrag

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