Hinton

Hintons Sorgen und die Zukunft der Arbeit

Geoffrey Hinton ist ein prominenter britisch-kanadischer Kognitionspsychologe und Informatiker, bekannt als „Pate der KI“. 2024 ging der Nobelpreis für Physik an ihn und John Hopfield, für ihre bahnbrechenden Arbeiten auf dem Gebiet der KI. Hinton spricht offen über die Herausforderungen und Umbrüche, die KI dem Arbeitsmarkt bringen wird.

Von neuronalen Netzen zur weltweiten Wirkung

Hintons Pionierarbeit zu neuronalen Netzen hat die heutigen KI-Technologien maßgeblich geprägt. Auf seinen Beiträgen bauen die Fortschritte im maschinellen Lernen und im Deep Learning auf, die heutige KI-Anwendungen antreiben, von Sprachassistenten bis zu ausgefeilten Werkzeugen für die Datenanalyse.

Trotz dieser grundlegenden Rolle in der KI-Entwicklung machte Hinton Schlagzeilen, als er bei Google kündigte. Hinter dem Abgang standen weder persönlicher Groll noch Ruhestandspläne. Er ging bewusst, um offen über die wachsenden Bedenken rund um KI sprechen zu können, ohne den Technologiekonzern hineinzuziehen.

KI und die Bedeutungslosigkeit menschlicher Intelligenz

Hinton zieht die Parallele zur Industriellen Revolution und beschreibt einen entscheidenden Wandel: So wie Maschinen im 18. und 19. Jahrhundert menschliche Kraft weniger wichtig machten, ist KI auf dem Weg, menschliche Intelligenz in bestimmten Bereichen weniger relevant zu machen.

„In der Industriellen Revolution haben wir menschliche Kraft bedeutungslos gemacht. Jetzt machen wir menschliche Intelligenz bedeutungslos, und das ist sehr beängstigend.“ (Geoffrey Hinton)

Daraus folgt eine ernste Sorge: KI könnte Menschen bei Aufgaben übertreffen, die einmal als ausschließlich dem menschlichen Denken vorbehalten galten.

Zuerst trifft es die Büroberufe

Anders als viele glauben, sind nicht nur manuelle oder repetitive Tätigkeiten in Gefahr. Die erste Welle der Umbrüche durch KI dürfte kognitiv anspruchsvolle Büroberufe treffen. Finanzwesen, Buchhaltung und sogar die Softwareentwicklung verändern sich bereits durch KI.

Fortgeschrittene KI-Modelle können heute zum Beispiel Code generieren, Finanzdaten analysieren und sogar juristische Dokumente entwerfen, und das immer genauer. Unternehmen investieren stark in KI-Lösungen für komplexe Aufgaben, was den Bedarf an menschlichen Fachkräften in diesen Bereichen senken könnte.

Elastische und unelastische Jobs: Wer ist sicher?

Hinton führt das Konzept elastischer und unelastischer Jobs ein:

•Elastische Jobs: Stellen, bei denen höhere Effizienz zu höherer Nachfrage führt. Im Gesundheitswesen kann KI zum Beispiel Ärztinnen und Ärzte unterstützen, sodass sie mehr Patienten behandeln oder sich mehr Zeit für die Betreuung nehmen können. Das hebt die Qualität der Versorgung insgesamt, ohne dass zwingend Personal abgebaut wird.

•Unelastische Jobs: Stellen, bei denen höhere Effizienz die Nachfrage nicht erhöht. Arbeitsplätze im Kundenservice könnten durch KI-Chatbots ersetzt werden, die Anfragen 24/7 bearbeiten, sodass weniger menschliches Personal gebraucht wird.

Wer diesen Unterschied versteht, kann besser abschätzen, wo KI menschliche Arbeit ergänzen und wo sie sie ersetzen könnte.

Stimmen von der Front: Anthropic und OpenAI melden sich zu Wort

Nicht nur Hinton schlägt Alarm. Moah Elizabeth, Chief of Staff bei Anthropic, einem führenden KI-Forschungsunternehmen, äußerte ähnliche Sorgen in einem offenen Blogbeitrag mit dem Titel „I’m 25 and these might be the last years of my career“.

„Ich arbeite bei einem Unternehmen an der vordersten Front der KI, und mit jeder Iteration meines Modells stehe ich vor etwas, das mehr kann und allgemeiner ist als zuvor.“ (Moah Elizabeth)

Auch Sam Altman, CEO von OpenAI, hat auf die tiefgreifenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen hingewiesen, die bevorstehen. In seinem Blogbeitrag „Moore’s Law for Everything“ warnt er: Ohne eine Politik, die sich dem Wandel anpasst, könnte die Verschiebung von Arbeit zu Kapital viele schlechter dastehen lassen als zuvor.

Das ungleiche Tempo der Automatisierung

KI macht bei kognitiven Aufgaben rasche Fortschritte, während die Robotik, die körperliche Arbeit automatisieren würde, hinterherhinkt. Deshalb könnten Berufe, die feinmotorisches Geschick und Anpassung an die jeweilige Situation verlangen, länger sicher bleiben, etwa Elektriker, Installateure, Gärtner und Kunsthandwerker.

Diese Berufe verlangen komplexe motorische Fähigkeiten und den Umgang mit der realen Welt, und beides können Roboter nur schwer überzeugend nachbilden.

Vorbereitung auf die Zukunft: Menschliche Fähigkeiten, die Maschinen nicht beherrschen

Bei aller Unsicherheit gibt es einen Lichtblick. Manche zutiefst menschlichen Fähigkeiten kann KI weiterhin nur schwer nachahmen:

•Emotionale Intelligenz und Empathie: Berufe, die eine tiefe menschliche Verbindung verlangen, etwa psychologische Beratung, Unterricht und Gesundheitswesen, leben von echter Empathie, und da bleibt KI zurück.

•Kreatives Problemlösen: KI kann riesige Datenmengen verarbeiten, an die menschliche Kreativität beim Finden neuer Lösungen reicht sie aber noch nicht heran.

•Führung und Zusammenarbeit: Teams führen, zu Innovation anregen und die Zusammenarbeit fördern können nur Menschen.

Ein Bericht der Citigroup mit dem Titel „What Machines Can’t Master: Human Skills to Thrive in the Age of AI“ betont, wie wichtig diese Fähigkeiten sind. Wer sich auf Bereiche konzentriert, in denen Menschen einen Wettbewerbsvorteil behalten, bleibt in einer von KI geprägten Welt eher gefragt.

Anpassen statt verzweifeln

Die Aussicht, dass KI bestimmte menschliche Fähigkeiten überflüssig macht, kann einschüchtern. Trotzdem sollten wir der Zukunft mit der Bereitschaft begegnen, uns anzupassen. Lebenslanges Lernen, Weiterbildung in Bereichen, in denen menschliche Expertise unersetzlich ist, und der Einsatz für eine Politik, die Beschäftigte in dieser Übergangszeit unterstützt: Das sind die nötigen nächsten Schritte.

Aus dem Englischen übersetzt: zum Originalbeitrag

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