Als Andrej Karpathy, Mitgründer von OpenAI und früherer KI-Chef bei Tesla, im Februar 2025 den Begriff „Vibe Coding“ prägte und ihn als einen Prozess beschrieb, bei dem man „sich ganz den Vibes hingibt, Exponentialkurven umarmt und vergisst, dass es den Code überhaupt gibt“, rechnete er wohl nicht damit, eine ganze Aufräumbranche zu begründen. Genau das ist aber passiert.
Wer heute auf LinkedIn nach „Vibe Coding Cleanup Specialist“ sucht, findet Dutzende Programmierer, die sich als digitale Hausmeister der KI-Coding-Revolution anbieten. Ein Entwickler hat es bildhaft formuliert: „Diese Aufräumspezialisten sind so etwas wie die Superhelden-Hausmeister der Programmierwelt. Während alle anderen mit ihrem KI-Assistenten Spaß haben, muss jemand erklären, warum das Kontaktformular E-Mails an den Mars schickt.“
Dass dieser Beruf entstanden ist, sagt einiges über Versprechen und Gefahren des KI-gestützten Programmierens. Und es zeigt, warum der Traum „Jeder kann programmieren“ teurer werden könnte, als irgendjemand gedacht hat.
Von der „heißesten Programmiersprache“ zum Aufräumchaos
Das Phänomen Vibe Coding geht auf eine vorausschauende Beobachtung Karpathys aus dem Jahr 2023 zurück: „Die heißeste neue Programmiersprache ist Englisch.“ Der Begriff schlug so ein, dass Merriam-Webster „Vibe Coding“ nur einen Monat nach Karpathys Post vom Februar 2025 als „Slang & Trending“-Begriff in sein Wörterbuch aufnahm.
In seiner ursprünglichen Beschreibung klang Vibe Coding bei Karpathy fast nach Magie: „Ich verlange die dümmsten Dinge, etwa ‘verringere das Padding der Sidebar um die Hälfte’, weil ich zu faul bin, die Stelle zu suchen. Ich klicke immer auf ‘Accept All’, die Diffs lese ich nicht mehr. Wenn Fehlermeldungen kommen, kopiere ich sie einfach ohne Kommentar hinein, meistens behebt das den Fehler.“
Der Reiz wirkte sofort. Im März 2025 meldete Y Combinator, dass bei 25 Prozent der Start-ups aus dem Jahrgang Winter 2025 die Codebasis zu 95 Prozent von KI generiert war. Plötzlich bauten Produktmanager, Kleinunternehmer und völlige Programmieranfänger funktionierende Webanwendungen in Stunden statt in Monaten.
Nur gab es einen Haken. Genauer gesagt mehrere.
Wenn die KI-Party zu Ende ist
Die Risiken zeigten sich schnell. Sicherheitsprobleme konnten dazu führen, dass eine KI-programmierte Koch-App nicht nur Rezepte für Thai-Curry oder Bananenbrot ausgab, sondern auch eine Schritt-für-Schritt-Anleitung für giftiges Zyanid-Eis.
Konkrete Fälle von gescheitertem Vibe Coding ergeben ein beunruhigendes Bild. Ein Nutzer verkündete auf X stolz, er habe sein gesamtes Software-as-a-Service mit dem KI-Code-Editor Cursor gebaut. Nur Tage später schrieb er, seine Software werde von unzähligen Cyberangriffen getroffen: „Es passieren völlig zufällige Dinge, die Zahl der API Keys ist ausgeschöpft, und Leute umgehen das Abo.“
In einem anderen Fall, den die New York Times dokumentiert hat, erfand KI-generierter Code gefälschte Bewertungen für einen Onlineshop. Im Juli 2025 dokumentierte ein Firmengründer, wie der KI-Agent von Replit eine Datenbank löschte, obwohl er ausdrücklich angewiesen war, nichts zu ändern.
Carla Rover, Webentwicklerin mit 15 Jahren Erfahrung, brachte den Frust auf den Punkt: „Einen Coding-Copiloten zu benutzen ist ein bisschen so, als gäbe man einem klugen Sechsjährigen eine Kaffeekanne und sagte: ‘Bitte trag die ins Esszimmer und schenk der Familie Kaffee ein.’ Schafft er das? Vielleicht. Kann es schiefgehen? Auf jeden Fall. Und wenn es schiefgeht, wird er es Ihnen höchstwahrscheinlich nicht sagen.“
Auftritt der Aufräumspezialisten
Aus diesem Chaos entstand eine Chance für eine neue Art von Programmierern. Hamid Siddiqi, der seit Ende 2023 das Aufräumen von Vibe-Coding-Projekten anbietet, sagte gegenüber 404 Media: „Ich arbeite derzeit regelmäßig mit etwa 15 bis 20 Kunden, dazu kommen über das Jahr einzelne Projekte. Ich habe damit angefangen, vibe-gecodete Projekte zu reparieren, weil mir aufgefallen ist, dass immer mehr Entwickler und kleine Teams damit kämpfen, KI-generierten Code zu verfeinern, der zwar funktioniert, dem aber der Feinschliff oder der ‘Vibe’ fehlt, der zu ihrer Vision passt.“
Siddiqi hat es meist mit „uneinheitlichem UI/UX-Design in KI-generierten Frontends, schlecht optimiertem Code, der die Performance drückt, unstimmigen Markenelementen und Funktionen, die zwar laufen, sich aber klobig oder unintuitiv anfühlen“ zu tun.
Die Arbeit ist lukrativ. Manche Spezialisten verlangen über 200 Dollar pro Stunde dafür, KI-generiertes Durcheinander zu entwirren, und es gibt Berichte über 300 Prozent mehr Nachfrage in den vergangenen sechs Monaten. Vollzeitstellen bringen Gehälter von über 150.000 Dollar.
Die Ökonomie des digitalen Schutts
Die Ironie ist unübersehbar. Unternehmen setzen auf Vibe Coding, um sich teure Programmierer zu sparen, und zahlen am Ende Spitzensätze dafür, dass jemand repariert, was die KI kaputt gemacht hat. Ein Branchenexperte meinte dazu: „Die Ökonomie dieses Vorgangs ist schlicht lächerlich. Unternehmen versuchen Geld zu sparen, indem sie alle an Projekten ‘wie ein Vibe coden’ lassen, und müssen dann das Doppelte für jemanden zahlen, der dieses Chaos überhaupt entwirren kann. Das ist, als würde man den billigsten Mechaniker für die Autoreparatur engagieren und sich dann wundern, warum das Lenkrad im Kofferraum gelandet ist.“
Firmen wie Belitsoft und Pragmatic Coders haben darauf ganze Geschäftsmodelle aufgebaut. Ein Unternehmen beschreibt es so: „Unternehmen wenden sich zunehmend an solche Spezialisten, um Projekte zu retten, bei denen der KI-Code roh ist, ohne saubere Architektur und Sicherheit. Wer Demos gebaut hat, holt jetzt Senior-Entwickler, damit der Code stabil und sicher wird.“
Das Muster wird vorhersehbar: Mit Cursor blitzschnell ein MVP bauen. Feiern. Die Demo sieht toll aus. Ab in die Produktion. Das Chaos beginnt. Echte Ingenieure dafür bezahlen, die verbrutzelten Spaghetti auseinanderzuklauben. Mehr Geld ausgeben, als es von Anfang an gekostet hätte.
Der Faktor Mensch im KI-Zeitalter
Swatantra Sohni, ebenfalls Aufräumspezialist, beobachtet, dass viele Vibe Coder „Produktmanager oder Vertriebsleute oder Kleinunternehmer“ sind, die glauben, sie könnten die klassische Entwicklung umgehen. Die Wirklichkeit ist vorhersehbar: „Vibe Coding steckt noch in den Kinderschuhen. Es ist sehr praktisch, um den gewünschten Prototyp zu vermitteln, aber ich glaube nicht, dass es wirklich dafür gemacht ist, eine produktionsreife App zu bauen.“
Der erfahrene Entwickler Feridoon Malekzadeh, der mit der Vibe-Coding-Plattform Lovable baut, vergleicht den Ablauf damit, „Ihren sturen, frechen Teenager dafür anzuheuern, Ihnen bei etwas zu helfen. Sie müssen ihn 15-mal um etwas bitten. Am Ende erledigt er einen Teil dessen, worum Sie gebeten haben, dazu Dinge, um die Sie nicht gebeten haben, und unterwegs macht er einiges kaputt.“
Seiner Schätzung nach verbringt er „etwa 50 Prozent seiner Zeit mit dem Schreiben von Anforderungen, 10 bis 20 Prozent mit Vibe Coding und 30 bis 40 Prozent mit Vibe Fixing, also damit, die Bugs und das ‘unnötige Skript’ zu beheben, die KI-geschriebener Code erzeugt hat“.
Die Antwort der Plattformen
Den Plattformen, die Vibe Coding ermöglichen, ist die Aufräumkrise nicht entgangen. Firmen wie Pragmatic Coders vermarkten inzwischen „Vibe Coding Rescue Services“ und versprechen, „KI-generierte Apps zu retten, zu reparieren, abzusichern und zu optimieren und aus klobigem, instabilem oder langsamem Code saubere, sichere und skalierbare Lösungen zu machen, die reif für den kommerziellen Einsatz sind“.
Die häufigen Probleme haben sie auch benannt: „Nebulöse Spezifikationen: Prompts übersehen womöglich Edge Cases, Performance-Anforderungen oder Compliance-Regeln, was zu unvollständigen Funktionen führt. Versteckte Bugs: KI-Code mag gut aussehen, verbirgt aber Fehler, die erst in der Produktion auftauchen. Sicherheitspannen: Risiken wie fest einprogrammierte Schlüssel oder schwache Validierung schleichen sich unbemerkt ein. Wachsende technische Schulden: Uneinheitlicher Code aus wiederholten Prompts bremst Updates und macht die Wartung mühsam.“
Ein neues Entwicklungsparadigma?
Trotz der Probleme entwickelt sich Vibe Coding weiter. Branchendaten zufolge lassen rund 25 Prozent der neuen Start-ups inzwischen etwa 95 Prozent ihres Codes von KI schreiben, und Google berichtet, dass KI mittlerweile mehr als 30 Prozent seines neuen Codes schreibt.
Werkzeuge wie Cline und Cursor passen sich an, um die Grenzen von Vibe Coding anzugehen. Ein Produktmanager erklärt: „Bei Cline kennen wir dieses historische Muster. So wie C die Assemblersprache nicht abgeschafft, sondern für die meisten Aufgaben überflüssig gemacht hat, wird KI das klassische Programmieren nicht abschaffen, aber verändern, wofür wir unsere geistige Anstrengung aufwenden.“
Der Boom der Aufräumspezialisten führt vor allem zu einer Erkenntnis: KI-Coding-Werkzeuge funktionieren am besten unter Anleitung erfahrener Entwickler, die die Grenzen dieser Werkzeuge kennen. Ein Experte formuliert es so: „Unternehmen behandeln KI-Coding wie eine Wunderlösung, die jeder benutzen kann, dabei braucht es Senior-Expertise, um es richtig zu steuern.“
Der Kater setzt ein
Im September 2025 berichten Medien wie Fast Company, dass der „Vibe-Coding-Kater“ da sei, und Senior-Softwareentwickler sprechen bei der Arbeit mit KI-generiertem Vibe-Code von der „Entwicklungshölle“.
Carla Rover, die einmal 30 Minuten lang geschluchzt hat, nachdem sie ein vibe-gecodetes Projekt neu starten musste, blickt zurück: „Weil ich schnell und beeindruckend sein musste, habe ich eine Abkürzung genommen und die Dateien nach dem automatischen Review nicht geprüft. Als ich es dann von Hand gemacht habe, fand ich so viel Falsches.“
Das Urteil: Die Superhelden-Hausmeister bleiben
Der Aufstieg der Vibe-Coding-Aufräumspezialisten zeigt etwas Grundsätzliches an der KI-Revolution: Sie ersetzt menschliches Fachwissen weniger, als dass sie verschiebt, wo es gebraucht wird. 404 Media hat es trocken so zusammengefasst: „Mensch feuern, KI nutzen, KI feuern, Mensch einstellen.“
Der Vibe-Coding-Aufräumspezialist mag wie eine Meme-Berufsbezeichnung klingen, aber dahinter steckt mehr: die Einsicht, dass KI-Werkzeuge bei aller Leistungsfähigkeit weiterhin menschliche Weisheit brauchen, um Software zu schaffen, die in der echten Welt tatsächlich funktioniert.
Der Trend wächst weiter, Dutzende Spezialisten werben inzwischen auf LinkedIn, und Firmen wie Lovable wurden innerhalb von 8 Monaten zu Einhörnern. Klar ist: Jemand muss nach der KI-Party aufräumen. Und dieser Jemand wird dafür sehr gut bezahlt.
Die Frage ist nicht, ob Vibe Coding seine Aufräumkrise überlebt, sondern ob die Branche lernt, diese mächtigen Werkzeuge klüger einzusetzen, oder ob wir weiterhin eine Armee von Superhelden-Hausmeistern brauchen, damit unsere KI-generierte digitale Welt nicht auseinanderfällt.
Und falls Ihr Kontaktformular bis dahin E-Mails an den Mars schickt: Sie wissen, wen Sie anrufen müssen.
Aus dem Englischen übersetzt: zum Originalbeitrag